Haustiere sind für viele Menschen längst vollwertige Familienmitglieder. Seit der Pandemie hat ihre Zahl deutlich zugenommen: Laut Tagesschau lebten 2023 in 45 Prozent aller Haushalte Tiere – insgesamt 34,3 Millionen Haustiere. Spitzenreiter sind Katzen (15,7 Mio.), gefolgt von Hunden (10,5 Mio.) und Kleintieren (4,6 Mio.).
Mit dieser Entwicklung boomt auch der Markt für Tiernahrung, der inzwischen ein Milliardengeschäft ist. Wir sprechen mit Katharina Hamann, Ernährungsspezialistin für Hunde, die sich intensiv mit dem Thema beschäftigt hat.
Liebe Katharina, man hat im Bereich Tierfutter die Qual der Wahl. Es gibt Premiumfutter, vegane Snacks, Insektenprotein – aber auch eher absurde Produkte wie Hundepopcorn oder Hundebrezeln. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach hochwertiger, „gesunder“ und nachhaltiger Tiernahrung. Wozu rätst du?
Es findet sich kaum noch ein Fertigfutter, das nicht mit Aussagen wie „Premium“, „nachhaltig“ oder „natürlich“ geschmückt ist. Diese Begriffe sind allerdings nicht geschützt und können ohne jeglichen Nachweis auf die Verpackung geschrieben werden.
Insektenprotein schneidet rein rechnerisch in der Produktion ökologisch besser ab, was den CO₂-Fußabdruck betrifft. Dabei muss man jedoch berücksichtigen, dass die Rinder, Hühner etc., die im Hundefutter landen, nicht extra für die Futtermittelindustrie gezüchtet werden. Es werden vielmehr Teile und Abschnitte verwendet, die für die Lebensmittelindustrie nicht geeignet sind.
Daher wird kein Rind mit schlechterer Ökobilanz „extra“ aufgezogen als etwa eine Soldatenfliegenlarve für Hundefutter.
Ja, Insekten liefern hochgerechnet mehr Eiweiß pro Kilogramm eingesetztem Futter als zum Beispiel ein Rind. Sie müssen jedoch aufwendig verarbeitet und schmackhaft gemacht werden, da die wenigsten Hunde Insekten überhaupt als Futter erkennen und fressen würden.
Grundsätzlich können Tiere – wie Menschen auch – auf jedes Protein mit einer Allergie, Unverträglichkeit oder Sensitivität reagieren, korrekt?
Das sind drei sehr unterschiedliche Reaktionen, die man klar voneinander unterscheiden muss.
Ob es sich dabei um Hühnerprotein, eine Erdnuss oder eine Erdbeere handelt, ist unerheblich. Diese Reaktionen sind nicht genetisch codiert, sondern ein „gelerntes Verhalten“ des Immunsystems.
Aussagen wie „Der Hund ist allergisch auf Huhn“ sind in der Praxis fast nie echte Allergien und oft nicht einmal eine Unverträglichkeit oder Sensitivität. Das immunologisch im Detail auszuführen, würde hier allerdings den Rahmen sprengen.
Interessanterweise kommen immer mehr Kundinnen und Kunden mit der Aussage in die Beratung, ihr Tier vertrage kein Huhn im Fertigfutter. Sie stellen dann auf eine andere Proteinquelle um.
Der gleiche Hund verträgt jedoch eine selbst gekochte Schonkost aus Huhn, Möhre und Reis problemlos. Das zeigt: Nicht das Huhn selbst ist der Auslöser, sondern eher das stark verarbeitete Huhn oder Zusatzstoffe wie Konservierungs-, Hilfs- oder Schmierstoffe in der Herstellung von Kroketten oder Dosenfutter.
Ein weiterer Trend ist BARF – die biologisch artgerechte Rohfütterung. Doch nicht jede Mode ist automatisch gesund. Wie siehst du das?
Hier muss man zunächst die verschiedenen Definitionen unterscheiden, die oft durcheinandergeworfen werden.
Viele Barfer kaufen fertige, gewolfte und als „ausgewogen“ beworbene Mischungen aus Fleisch, Innereien und Gemüse und gehen davon aus, dass das schon passen wird. Manche ergänzen Kräuter, Pulver oder Öle, ohne sich mit diesen Zusätzen näher auseinanderzusetzen, und vertrauen darauf, dass die Produkte aus dem Shop oder Internet richtig zusammengestellt sind.
Tatsächlich haben bisher ausnahmslos alle Fertig-BARF-Mischungen, die ich in der Beratung berechnet habe, deutliche Nährstoffmängel oder -überschüsse aufgewiesen – für jeden einzelnen Nährstoff nachvollziehbar.
Andere machen sich die Mühe, lesen sich intensiv ein, sind aber oft von der Informationsflut überfordert und versuchen, mit verschiedenen Komponenten zu Hause eine ausgewogene Ration zu erstellen – manche mit mehr, manche mit weniger Erfolg.
Es gibt Hunde und Katzen, die Rohfütterung besser vertragen als gekochte Rationen. Dabei muss jedoch immer bedacht werden, dass sich an rohem Fleisch pathogene Keime befinden können. Bei gesunden Tieren ist die starke Magensäure (pH-Wert um 1) in der Regel in der Lage, diese Keime abzutöten.
Ich persönlich füttere meinen Hund mit einer selbst gekochten Ration.
Eine Nebenbemerkung: Immer wieder gibt es Salmonellenausbrüche bei Hunden, die kein rohes Fleisch bekommen haben. Als Quelle konnten häufig Kauartikel identifiziert werden. Diese stammen oft aus China, werden teilweise mit undeklarierten Chemikalien gebleicht oder behandelt und weisen nicht selten Rückstände auf. Sie stehen zudem im Verdacht, neurologische Störungen auszulösen.
Viele greifen zu Trockenfutter. Es gilt als praktisch und unterliegt strengen gesetzlichen Vorgaben. Sollte es Tiere nicht zuverlässig versorgen?
Das habe ich lange auch gedacht. Leider zeigt sich in der Beratung und in den Nährstoffberechnungen zunehmend, dass ich diese Aussage so nicht mehr bestätigen kann.
Die rechnerische Überprüfung hat ergeben, dass bislang kein Trocken- oder Nassfutter bei der auf der Verpackung empfohlenen Rationsmenge wirklich gepasst hat.
Entweder sind viele oder sogar alle Nährstoffe deutlich überversorgt – häufig Calcium, Mangan oder Eisen, teilweise in extremen Mengen mit Risiken wie Steinbildung – oder sie liegen klar unter der Bedarfsgrenze.
Trockenfutter besteht aus Mehlen und wird stark verarbeitet. Welche Nachteile hat das?
Allein aus technischen Gründen muss Trockenfutter einen hohen Kohlenhydratanteil enthalten, sonst würden die Kroketten nicht zusammenhalten. Häufig finden sich 50, 60 oder sogar 70 Prozent Kohlenhydrate im Futter.
Das kann – ähnlich wie beim Menschen – chronische, unterschwellige Entzündungsprozesse im Körper begünstigen. Stichwort Insulinresistenz. Auch frisch entstandene Tumorzellen „lieben“ einen hohen Glukosespiegel, da sie davon leben.
Die Verdauung von Trockenfutter verlangt dem Körper zudem deutlich mehr Wasser ab als andere Fütterungsformen. Tiere benötigen dafür das Drei- bis Fünffache ihres normalen Flüssigkeitsbedarfs – eine Menge, die viele nicht vollständig aufnehmen.
Trockenfutter hat eine Restfeuchte von etwa 8 Prozent, frisches Futter von rund 80 Prozent. Der Körper muss also enorme Mengen Wasser aufnehmen, um das auszugleichen …
Hunde kompensieren diesen Mehrbedarf meist besser als Katzen, bleiben aber oft dennoch unter ihrem tatsächlichen Bedarf.
Die Folge kann ein chronischer Flüssigkeitsmangel sein. Besonders die Nieren geraten dadurch unter Druck, da sie ausreichend Wasser für ihre Filterfunktion benötigen. Auf Dauer macht das die Nieren sehr unglücklich.
Ein großes Problem ist die Überfütterung durch Snacks.
Genau. Viele Menschen wollen ihren Tieren „etwas Gutes tun“ und geben viel Geld für Leckerlis, Snacks und Kauartikel aus, ziehen diese aber nicht von der täglichen Ration ab. Nicht selten landet so eine halbe oder sogar ganze Tagesration zusätzlich im Hund oder in der Katze – mit entsprechenden Folgen.
Übergewicht, Gelenkprobleme und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die Konsequenzen. Viele Tierärzte sprechen das Thema nicht an, da Halterinnen und Halter oft gekränkt reagieren.
Alternativen sind zum Beispiel Handfütterung mit dem normalen Futter im Training, Such- und Denkspiele, Möhrchen zum Knabbern oder Schleckmatten, Kongs und ähnliche Beschäftigungen.
Manche Tiere brauchen Spezialdiäten, andere sollen vegetarisch oder vegan ernährt werden. Was empfiehlst du?
Das ist ein großes und sehr emotional diskutiertes Thema. Meiner Meinung nach sollte niemand seinen selbst gewählten Lebensstil einem anderen Lebewesen aufzwingen.
Ein guter Anhaltspunkt ist der Blick auf das Gebiss: Hunde und Katzen haben ein völlig anderes Gebiss als Menschen oder Pflanzenfresser wie Pferde. Daran erkennt man, auf welche Nahrung Verdauungstrakt und Stoffwechsel ausgelegt sind.
Katzen benötigen tierisches Eiweiß, Hunde gelten als flexibler. Was ist dabei zu beachten?
Richtig, Hunde sind deutlich flexibler. Mein Hund zum Beispiel liebt Gemüse und ist ein sehr begeisterter Esser. Neben großzügigen Gemüserationen deckt er seinen Eiweißbedarf über Fleisch, Fisch und Eier – dafür ist sein Stoffwechsel ausgelegt.
Hunde können zwar auch pflanzliche Proteine verwerten, allerdings mit einer deutlich schlechteren Bilanz als bei tierischen Quellen.
Immer mehr Menschen kochen selbst für ihre Tiere – trotz des angeblich hohen Aufwands.
Und das ist grundsätzlich sehr positiv. Der große Vorteil: Man kennt die Zutaten und kann frische, hochwertige Produkte verwenden.Ein weiterer Pluspunkt ist, dass man selbst über Herkunft, Qualität und Zusammensetzung der Futterkomponenten entscheidet.
Der Zeitaufwand wird oft überschätzt. Mit etwas Übung lässt sich das gut in den Alltag integrieren. Wenn man bedenkt, wie viel Zeit wir täglich am Handy verbringen oder mit Spaziergängen, sind zwei bis drei Stunden pro Woche gut machbar.
Und wie sieht es mit den Kosten aus? Ist selbst kochen wirklich teurer?
Das kann sein, muss es aber nicht.
Viele „fancy“ Futtersorten sind teuer wegen Marketing, Design oder exotischer Zutaten. Eine einfache, ehrliche selbst gekochte Ration aus einer Fleischsorte, einer Gemüsesorte, etwas Öl und einem Mineralpulver kann – je nach Einkauf – sogar günstiger sein.
Außerdem sollte man sich fragen, welche Teile im Fertigfutter verarbeitet werden, wenn eine 800-Gramm-Dose so günstig ist, dass man diese Kosten in der Eigenherstellung selbst mit Großhandelspreisen kaum erreichen könnte.
Der Tierhalter trägt in jedem Fall Verantwortung für die Nährstoffversorgung.
Auf jeden Fall. Man muss ein Auge darauf haben – oder es überprüfen lassen. Das gilt allerdings genauso für Fertigfutter.
Welche Ernährung ist nun die beste für Haustiere?
Nicht jeder Tierarzt ist tief im Thema Ernährung drin, und nicht jede Person mit einem Online-Wochenendkurs verfügt über fundiertes, wissenschaftlich basiertes Wissen und praktische Erfahrung.
Man kann festhalten:
Fertigfutter ist sicher, praktisch und gesetzlich reguliert.
Premium- und Spezialfutter kann sinnvoll sein, besonders bei Allergien oder Unverträglichkeiten – hier sollte man aber genau prüfen, was enthalten ist, und sich gegebenenfalls beraten lassen.
BARF und Selbstkochen sind sinnvoll, wenn man sich fundiertes Wissen über eine ausgewogene Zusammensetzung aneignet. Nachhaltige Alternativen wie Insektenprotein gewinnen an Bedeutung.
Die wichtigste Regel bleibt: die richtige Menge füttern und Snacks reduzieren.
Wer sein Haustier gesund und nachhaltig ernähren möchte, sollte Trends kritisch hinterfragen und sich im Zweifel fachkundig beraten lassen – und dabei auch prüfen, von wem diese Beratung stammt.

Fotos: Katharina Hamann / VETspert

Dr. Katharina Hamann schloss 2017 ihr Studium der Ernährungswissenschaft (M.Sc.) an der Universität Potsdam ab. Bereits während des Studiums sammelte sie umfangreiche praktische Erfahrungen durch mehrere Praktika in den Bereichen Tiermedizin und Tierernährung. Seit 2017 ist sie als tiermedizinische Assistentin in verschiedenen tierärztlichen Praxen tätig, mit besonderem Schwerpunkt auf der Chirurgie. Aktuell arbeitet sie als Tiermedizinische Fachangestellte und Ernährungswissenschaftlerin in der Überweisungspraxis für Kleintierchirurgie von Dr. Detlef Apelt. Neben ihrer beruflichen Tätigkeit engagiert sie sich mit großer Leidenschaft für das Wohl ihrer tierischen Patienten und verbringt ihre Freizeit mit ihrem Airedale Terrier Harvey.

